Wer würde da an Omelette denken?
Stell dir eine ländliche Szenerie vor. Im Sonnenuntergang leuchtet ein goldenes Feld mit bald erntereifen Weizenären, auf einer angrenzenden Wiese stehen Kühe in Erwartung des täglichen Gangs zur Melkstation und in unmittelbarer Nähe zu einem kleinen Fachwerk-Bauernhaus gackern zufriedene Hühner auf der Suche nach den letzten Körnern des Tages.
Es ist ein friedliches Bild, das viele Menschen als angenehm und idyllisch beschreiben würden. Ein Ort, an dem die Welt noch in Ordnung ist. Eventuell gibt es persönliche Erlebnisse und Erinnerungen, die durch den Gedanken an dieses Bild hervorgerufen werden. Die Sehnsucht nach ländlicher Ruhe, der Landwirtschaft, die dem ewigen Rhythmus der Jahreszeiten und des Wetters folgt und nicht dem starren Takt von Wochentagen und Arbeitszeiten.
Wer würde da an Omelette denken?
Zugegeben: Je nach emotionaler Verfassung und geistigem Zustand kann dieses Bild bei ein und derselben Person sehr unterschiedliche Assoziationen hervorrufen. Es gibt jedoch Menschen, die früher oder später ganz natürlich an eine Omelette denken müssen und andere Menschen, die selbst nach Betrachtung des Bildes und nach dem Lesen des bisherigen Textes noch darüber nachdenken, was das mit der Omelette soll. Dabei liegt darin keinerlei Wertung; kein Richtig oder Falsch; kein Besser oder Schlechter.
Der Unterschied liegt vermutlich in der Frage, wie stark gewisse Persönlichkeitsmerkmale ausgeprägt sind.
Ist es nicht eine grossartige Fähigkeit, sich emotional in diese wunderschöne Szenerie fallen zu lassen? Die Schönheit des Moments zu geniessen und sich zu wünschen für einen Moment zum Teil dieses Bildes zu werden? Ist es nicht ein Geschenk, die Schattenseiten des Landlebens in Anbetracht dieser kleinen Goldmomente völlig ignorieren zu können?
Ist es umgekehrt nicht fast eine krankhafte Suche nach Potentialen und möglichem Profit, wenn das Gehirn wie automatisch die gesamte Romantik herausfiltert und den Output der Szenerie auf Mehl, Eier und Milch reduziert und darüber hinaus noch ein fertiges Endprodukt „ausspuckt“, das man daraus herstellen könnte?
Ich komme zu dem Schluss: Wahre Vollkommenheit liegt darin, beide Sichtweisen gleichermassen authentisch empfinden und wahrnehmen zu können. Die Schönheit des Moments zu erfassen und dabei trotzdem die sachliche Ebene der Potentiale nicht ausser Acht zu lassen.
Was soll das bedeuten? In unserem Alltag, speziell in Führungspositionen, werden wir ständig mit Bildern konfrontiert, die wir auf unterschiedliche Weise betrachten können. Besonders bei zwischenmenschlichen Begegnungen entscheiden wir sehr schnell, ob wir der sachlichen Potentialebene mehr Aufmerksamkeit schenken, oder der emotionalen Ebene. Dies beeinflusst unsere Entscheidungen weitreichend: In Anbetracht emotionaler Verklärtheit, besteht die grosse Gefahr, dass wir Potentiale stark über- oder unterschätzen. Reduzieren wir von Beginn an einen Kontakt auf die Frage, welchen Nutzen er eventuell für uns bringt, verlieren wir essenzielle emotionale Faktoren aus dem Blick, was am Ende den Weg zum gemeinsamen Erfolg verbauen kann.
Am Ende soll es nicht eine Frage des entweder – oder sein: Beide Sichtweisen sind wertvoll und wichtig. Und wie jeder weiss: Für eine wirklich feine Omelette braucht es ausserdem noch eine Brise Salz, die auch in den zwischenmenschlichen Begegnungen nie fehlen darf.
Text: Robin Pietschmann
Bild: KI-generiert (ChatGPT)